ForumHeilpaedagogik - Stiftung Conrado Kretz - Rundbriefe - Archiv 2008

Rundbrief Oktober, 2008
Arapa, August 2008
Liebe Leserin
Lieber Leser
Diesen Rundbrief beginnen wir (Markus Eberhard und Marcos Degen) gemeinsam auf dem Altiplano. Wir freuen uns sehr, Ihnen von den verschiedenen Entwicklungen hier im peruanischen Hochland berichten zu dürfen.
Es sind diesmal vorwiegend positive Erfahrungen, von denen wir schreiben werden. Für einmal klammern wir die eher schwierigen Erfahrungen aus, denn es gilt Kraft zu schöpfen, um die verschiedenen Projekte weiter zu entwickeln. Und Kraft bekommt man von den Bildern und Hoffnungen, die in der Zukunft liegen, aber auch von gemeinsamen Träumen, die sich erfüllt haben.
Ein erster Traum
Gewinn des Preises zur Förderung der Wirtschaft
Im Rahmen der Wirtschaftsförderung und Schaffung von Arbeitsplätzen hat der peruanische Staat einen Wettbewerb ausgeschrieben, damit der Bevölkerung nachhaltig geholfen werden kann.
Wir haben für unsere Verhältnisse ein grosses Projekt zur Züchtung von BIO-Forellen präsentiert und haben die Ausschreibung gewonnen. Nun wird es uns möglich sein für 240 Familien Arbeit und Verdienst zu schaffen. Die ökonomische Situation der Region wird sich dadurch verbessern. Gleichzeitig verfolgen wir auch langfristige Ziele. Wir werden Bildungsveranstaltungen zu Marketing, Führung eines Unternehmens, Berechnung der Kosten und der Gewinne usw. gemeinsam mit den Beteiligten durchführen.
Damit das Projekt auch langfristig überlebt, werden wir Mikrounternehmen gründen. Diese Mikrounternehmen sind für den ganzen Prozess der Aufzucht (vom Laich bis zum ausgewachsenen Fisch und zur Vermarktung) verantwortlich. So werden die Beteiligten in die Gesamtverantwortung eingebunden. Nachhaltigkeit wird entstehen. Wir freuen uns sehr darüber.
Ein zweiter Traum
Der erste Geburtstag des Kompetenzzentrums für Menschen mit Behinderung, Arapa, Sur Andino
Am 22. und 23. Juli wurde die Schule für Kinder mit einer geistigen Behinderung in Arapa ein Jahr alt. Grund genug zum Feiern und feiern können die Menschen in Peru.
Es war eine grosse Freude die Kinder und Pädagogen bei ihren Vorbereitungen für das grosse Ereignis zu begleiten. Der Faltprospekt war sorgfältig gestaltet und informierte nicht nur über die einzelnen Aktivitäten, sondern auch über Ziele und Inhalte der Institution.
Das Fest begann am Dienstagabend mit einem feierlichen Umzug durch das ganze Dorf. Das Zentrum war feierlich mit Lichtern geschmückt. Kinder, Lehrer und Begleiter trugen wunderbare selbstgemachte Lampions und Lichtgestalten durch die nächtlichen Strassen. Begleitet wurde der Umzug von zahlreichen Bewohnerinnen und Bewohnern des Andendorfes.
Nach einer warmen Schokolade, die gemeinsam mit Kindern und vielen Gästen getrunken wurde, klang der Abend aus, die Vorfreude auf den kommenden Morgen begleitete die Kinder durch die kalte Nacht.
Der Morgen des Feiertages begann, so wie alle Feiern von Schulen auf dem Altiplano, mit dem Hissen der peruanischen Flagge. Dann folgte ein Defilé. Eine Blasmusikkapelle aus dem Dorf führte den Umzug an. Die Schüler, Schülerinnen und Lehrpersonen wurden auf ihrem Marsch begleitet von allen „tenientes gobernadores“ (Dorfvorsteher aller Dörfer und Weiler der Distrikte). Diese im politischen und gesellschaftlichen Leben wichtigen Persönlichkeiten zeigten mit ihrer Präsenz eindrücklich, dass das Zentrum für Kinder mit geistiger Behinderung anerkannt und gewürdigt wird. Nach einem Festgottesdienst folgte ein Programm, das von Kindern und Lehrern, sowie den Verantwortlichen des Zentrums gestaltet wurde. Alle Gäste, die politisch Verantwortlichen, sowie die Eltern der Kinder freuten sich an den Darbietungen der Kinder, die von den Lehrern feinfühlig begleitet wurden.
Selbstverständlich gehörten auch Ansprachen zum Programm. Die Versicherung, dass die Institution weiterentwickelt und von der Stiftung Conrado Kretz weiterhin unterstützt wird, fiel auf besonders gutes Echo. Dank Ihrer finanziellen und ideellen Unterstützung wird dies auch weiterhin möglich sein.
Am Donnerstag fand dann ein gemeinsamer Spieltag mit den Kindern der öffentlichen Schule, die sich in unmittelbarer Nähe des Zentrums befindet, statt. Dies ein weiteres Zeichen dafür, dass die Institution gut integriert ist, dass Integration gelebt und Inklusion angestrebt wird.
Das Fest zeigte deutlich, dass Kinder mit einer geistigen Behinderung von der Öffentlichkeit und von den politischen Instanzen wahrgenommen werden. Das „Verstecken“ hat ein erstes Ende gefunden und wir sind überzeugt, dass noch viele „Enden“ in den nächsten Jahren folgen werden – zu viele Vorurteile und „Behinderungen“ prägen noch die Phantasien in den Köpfen der peruanischen Gesellschaft.
Ein dritter Traum oder ein Albtraum mutiert
Das Technikum für Informationstechnologien
Dieses Bild des Technikums von Chupa wurde im August 08 gemacht. Es ist der stumme Zeuge des Misserfolges eines Projektes. Doch alles in historischer Reihenfolge. Mitte der 90-er Jahre engagierten wir uns sehr in der Bildung und Ausbildung der Jugendlichen nach Abschluss ihrer Schulzeit. Wir wollten ihnen Perspektiven ermöglichen, um so etwas für die Entwicklung des Altiplanos und gegen die Abwanderung der jungen Menschen in die Elendsviertel der grossen Städte zu leisten. Als erstes realisierten wir ein Berufsausbildungszentrum für handwerkliche Berufe im Dorf Chupa. Um der weiteren Entwicklung mehr Kraft und eine klare Zukunftsorientierung zu geben planten wir, zusammen mit der politischen Gemeinde Chupa, den Bau und den Betrieb eines Technikums für Informationstechnologien.
Die Gemeinde stellte das Land zur Verfügung und die Lehrlinge des Berufsausbildungszentrums bauten das Gebäude. Die Idee ein Technikum für Informationstechnologien zu realisieren stiess in der ganzen Region auf breite Unterstützung und erfüllte alle Beteiligten, ja die ganze Region mit Stolz. Ein Lehrplan, der sehr modern war, sollte die Qualität der Ausbildung garantieren. Was fehlte war die Betriebsbewilligung durch das Erziehungsministerium der Region Puno. Die Verwaltungsbeamten schwärmten vom Projekt und seiner zukunftsweisenden Ausrichtung. Alles deutete auf die baldige feierliche Eröffnung und die Aufnahme des Unterrichtes hin. Mit dem endgültigen Ausbau, der Installation der Computer und der Einzäunung (Sicherung) des Geländes warteten wir noch zu, in der Hoffnung auf eine Betriebsbewilligung. Immer wieder wurde sie uns versprochen, doch den Versprechungen folgten offene und pseudoversteckte Botschaften und Forderungen der Beamten nach Schmiergeldern, auch in Form von privaten Computern. Die Kreativität der administrativen Beamten des Staates blühte. Aus dem Traum wurde ein Albtraum.
Wir entschieden klar und eindeutig, dass die Stiftung Conrado Kretz unter keinen Umständen korrupte Aktivitäten zulassen wird. Diese Absicht kommunizierten wir in aller Deutlichkeit. Die Jahre gingen ins Land und das Technikum, in Form eines Gebäudes, war die ganze Zeit ein Mahnmal gegen Korruption und Bestechung, für uns und für die aufgeschlossene Bevölkerung. Gleichzeitig aber zeigte es uns immer wieder, dass da ein Projekt gescheitert ist.
Inzwischen sind Jahre vergangen und die Aktivitäten der Stiftung verlagerten sich auch. Staatsbürgerliche Bildung, Informationen zu den Volksrechten und den Pflichten der politischen Autoritäten waren, angesichts der politischen Entwicklungen im Staat, notwendig und not-wendend. Im Rahmen dieser Bildungsinitiative konnten viele junge Männer und Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und in der Mobilisierung für eine gerechtere und menschenwürdige Gesellschaft ausgebildet werden. Dieses Engagement der Stiftung zahlt sich jetzt aus.
Clemente López Chipana hat sich im Rahmen dieser Bildungsoffensive engagiert. Er war ein aufmerksamer „Schüler“. Und so kam es, dass er zum Bürgermeister von Chupa gewählt wurde. In dieser Rolle hat er die Idee des Technikums wieder neu aufgenommen. Alles nur Erdenkliche hat er versucht um eine Betriebsbewilligung zu erhalten, natürlich ohne Bestechungsgelder zu bezahlen, auf korrektem politischem Weg. Nun er hatte Erfolg. Das Bildungsministerium des Landes Peru hat die Betriebsbewilligung erteilt! Wir werden nun die anstehenden Arbeiten in Angriff nehmen. Die Gemeinde hat bereits Gelder für die Renovation und die Einzäunung des Geländes bereitgestellt. Die Stiftung Conrado Kretz wird die Computerinfrastruktur, sowie die Entwicklung des Curriculums in die Wege leiten. So werden wir, zusammen mit der Gemeinde Chupa und der Regierung auf dem Altiplano, das erste Technikum für Informationstechnologien realisieren.
Der Albtraum wurde zum Traum – dem gemeinsamen Traum für eine Zukunft, in der auch die jungen Menschen in den Südanden die Möglichkeiten bekommen um im nationalen Bildungs- und Arbeitsmarkt zu bestehen. Wir sind überzeugt, dass sie die Chancen nutzen werden.
Die Stiftung Conrado Kretz wird ihnen zur Seite stehen. Dank Ihren Spenden und Zuwendungen werden wir unsern Verpflichtungen nachkommen können. Dafür ganz herzlichen Dank. Gerne nehmen wir auch Anregungen und Ideen zum Betrieb eines Technikums für Informationstechnologien entgegen. Wir freuen uns über jede Form von Reaktion.
Ein vierter Traum
Neue Stiftung: PRO PAUPERIBUS
Am 11.08.2008 haben wir die Stiftung PRO PAUPERIBUS in Juliaca gegründet. Das Vorhaben, eine gemeinnützige Stiftung nach peruanischem Recht zu gründen, hat einige Zeit gebraucht und wurde mit dem Gründungsprotokoll auch Wirklichkeit. Mit der neuen Stiftung hat die Stiftung Conrado Kretz Peru (eine Stiftung nach schweizerischem Recht) eine Partnerin gefunden. Es wird für die neue Stiftung wichtig sein, die Angelegenheiten, die nach peruanischem Recht realisiert werden müssen, wahrzunehmen. So wird sie Güter und Produktionsmittel beim peruanischen Staat registrieren und ins Grundbuch eintragen lassen.
Die Stiftung PRO PAUPERIBUS wird vorwiegend in den südlichen Anden (SURANDINO) tätig sein, kann aber ihr Tätigkeitsfeld auf ganz Peru ausdehnen. Als Stiftungsratspräsident wurde Padre Marcos Degen, als Vizepräsident Markus Eberhard bestimmt. Somit ist die Verbindung zur schweizerischen Mutter der neuen Stiftung auch personell abgesichert.
Wenn ein einzelner Mensch von einem Wunder träumt, dann bleibt es ein Traum,
wenn viele Menschen den Traum zusammen träumen, ist dies der Beginn einer neuen Wirklichkeit
(Dom Helder Camara)
Markus Eberhard
Präsident der Stiftung Conrado Kretz Peru
Marcos Degen
Präsident der Stiftung PRO PAUPERIBUS